Dem
Affen Gummi geben
Die chinesische Jugend liebt
Han Han. Der 1982 geborene Autor hat mehr als eine Million Bücher
verkauft. Und sein Blog ist in China eine Institution.
Der Europäische Universitätsverlag
würde Ihre Werke gerne ins Deutsche übersetzen lassen. Schreiben Sie
denn Weltliteratur?
Das mag ich tatsächlich nicht mit Bestimmtheit
behaupten. Denn
das Charakteristikum der chinesischen Gegenwartsliteratur liegt ja
darin, dass sie den Eigenheiten der chinesischen Schriftzeichen
besondere Aufmerksamkeit schenkt. Deshalb denke ich, dass unsere
Gegenwartsliteratur schwerer in eine Fremdsprache zu übersetzen ist als
ältere chinesische Literatur. Früher haben nämlich viele chinesische
Autoren einfach Dinge nachgeäfft, die sie im Ausland aufgeschnappt
hatten. Ich habe mich während des Schreibens natürlich überhaupt nicht
mit dem Thema einer späteren Übersetzung auseinandergesetzt. Ich denke
aber, dass das alles völlig problemlos ist, solange der Übersetzer gut
und angemessen übersetzt.
In China hat man
Sie in die Schublade der „nach 1980 geborenen Autoren“ gesteckt. Was
halten Sie davon?
Diese Kategorisierung nach Jahrzehnten ist völlig unangemessen.
Menschen derselben Generation unterscheiden sich doch alle erheblich.
Aber in China ist die Situation eine besondere: Die politischen
Veränderung sind extrem. Innerhalb von 20 Jahren erscheint die gesamte
Gesellschaft wie ausgetauscht. Das würde vielleicht doch für die
Epochenkategorie sprechen, aber ich möchte mich überhaupt nicht in eine
Schublade stecken lassen.
Ihr Blog ist für
chinesische Verhältnisse erstaunlich kritisch und zugleich einer der
beliebtesten. Inwieweit können Schriftsteller die chinesische
Gesellschaft heute beeinflussen?
Diese Frage ist zu umfassend, ich kann mir nicht anmaßen, auch nur für
einen meiner Kollegen zu sprechen, nur für mich. Am Anfang steht
natürlich immer die Liebe zum Schreiben, aber das Schreiben ist
sicherlich auch ein Beruf, der das Auskommen sichert. Wenn man damit
etwas bewirken will, so ist das sicherlich sehr individuell. Einige
kritisieren konstruktiv, um den Fortschritt voranzutreiben. Andere sind
da opportunistischer. Ich denke, dass jeder das mit sich selbst
ausmachen muss.
In China sind
viele Autoren erst durch das Bloggen berühmt geworden. Wie wichtig ist
das Internet für die Herausbildung einer neuen Öffentlichkeit?
Das Internet ist auf jeden Fall ein Motor für die Rede- und
Pressefreiheit. Und es ist ein sehr kräftiger Motor. Denn das Netz
sperren zu wollen, scheint mir schwierig. Das ist etwas ganz anders als
Verlagspublikationen zu kontrollieren, wo man dich nur am Kragen zu
packen braucht, und du bist erledigt. Das Netz ist ein Tummelplatz der
Ideen. Es hat eine positive Grundnatur und eine historische Bedeutung.
Im Juli 2006 hat
der deutsche Sinologe Wolfgang Kubin gesagt, die gesamte chinesische
Literatur nach 1949 sei Müll. Stimmt das?
Im Jahre 1949 begann eine scheinbar endlose Phase der Kontrolle der
Literatur, eine ideologische Kontrolle, eine Überwachung und
Einschränkung des Denkens. In einer solchen Situation kann es einem
Schriftsteller durchaus passieren, dass Müll herauskommt. Aber ich bin
davon überzeugt, dass es doch auch Gutes gab.
Foto [siehe FAZ]: Han Han ist
nicht nur einer der kritischsten chinesischen Autoren, sondern auch
Rennpilot und Mädchenschwarm.
Quelle: 14.10.2009 Frankfurt, Martin Woesler interviewt
Han Han: "Dem Affen Gummi
geben", in: Frankfurter Allgemeine Zeitung,
Feuilleton, Zeitung zur Buchmesse S. 13