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Jugend in China

Das Durchschnittsalter in China betrug 2009 34,7 Jahre (zum Vergleich: Deutschland 45,2 Jahre). Das heißt, die meisten Chinesen haben nur die letzten drei Jahrzehnte des China der Reform- und Öffnungspolitik erlebt. Die Zeit war geprägt von wachsendem Wohlstand, immer materialistischerer Ausrichtung, breiter Bildung und rasanten Veränderungen der Bildungs- und Arbeitswelt. Das Jahrtausende ungebrochene traditionelle Bild der Großfamilie als sozialem Bezugspunkt zerbrach und an die Stelle trat das Modell der Kleinfamilie, schließlich das des Singles, oft Einzelkind. Die Juniereignisse 1989 machten dieser Generation das Scheitern der herrschenden Ideologie bewusst, das Leben wurde unpolitisch, noch materialistischer. Mit dem materiellen Wohlstand kam auch die Freizeit, Konsumbedürfnisse, mit den Reisemöglichkeiten und dem Internet kam auch die Erkenntnis, dass China nicht das Maß der Dinge auf Erden ist und es auch in China besser gehen könnte. Die Wirtschaftskrise und die Schwierigkeiten, trotz guten Studienabschlusses eine Arbeitsstelle zu finden führten auch zu einer Desillusion gegenüber dem neuen Götzen, dem Geld. Dieses Ideologievakuum des nicht mehr real existierenden Sozialismus und des Manchester-Kapitalismus, der sich nicht als Allheilmittel erwies, wird von der jungen Generation zu Beginn des 21. Jahrhunderts mit einem oft unreflektierten, leidenschaftlichen Nationalismus gefüllt. Derzeit erreicht die Rückbesinnung auf patriotische, aber auch auf traditionelle, konfuzianische Werte insbesondere die jüngere Generation. Amerika galt dabei stets als Vorbild für den erträumten "way of life", kaum jemand, der nicht gerne in den USA studieren würde, auch wenn die Herausforderung der USA durch die aufsteigende Supermacht China zu einer Haßliebe geführt hat. Junge Chinese verlassen ihre Dörfer auf dem Land und ziehen in die Ballungsräume, verlieren jedoch auch ihre familiären, heimischen Netzwerke und empfinden das Leben in der Großstadt als entfremdet.
M. W. 2010

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