http://martin.woesler.de/de/impossible_literature.html DE EN ZH FR
Zurück zur Hauptseite

50 Jahre 'unmögliche Literatur' in der VR China:

Unfreiheit, der 'Versuch, die Aufklärung zu beenden' und mangelnde Qualität

Martin Woesler

[Auszug, vollständiger Beitrag ist per email anforderbar. Dieser Beitrag ist urheberrechtlich geschützt und darf nur mit genauer Quellenangabe verwendet werden.]

I Von Unfreiheit und dem 'Versuch, die Aufklärung zu beenden'

Die chinesische Literatur seit 1949 ist eine unfreie Literatur. Dieses ernüchternde Resümee muss am Ende des 20. Jahrhunderts gezogen werden. Das frappierendste Merkmal von Texten aus der VR China, selbst wenn sie in Übersetzung gelesen werden, ist der gleichschaltende Einfluss der Ideologie. In ihrer restriktiven, kreativitätsfeindlichen und ideologiestützenden Einflussnahme auf die Literaturproduktion unterscheidet sich die Volksrepublik China kaum von anderen totalitären Regimen. Beispiele sind der japanische Faschismus der 1930er und 40er,[1] der deutsche Nationalsozialismus (1933-45), der italienische fascismo und der Sozialismus der Zeit des Kalten Krieges. In ihrer real existierenden Form behinderten alle sozialistisch geführten Länder die Entwicklung der Literatur. Ironie der Geschichte ist es, dass man in China sein Heil in einer ausländischen Ideologie – dem Marxismus-Lenismus – suchte, um den Eindruck der Schwäche gegenüber fremden Mächten zu beseitigen. Die Regierung oktroyierte den Schriftstellern eine einheitliche Schreibintention und ein entsprechendes Vokabular. Die besondere Qualität des Einflusses der Ideologie in der VR China lag in der bewussten Intellektuellenfeindlichkeit und Bildungsverweigerung. Das ,chaotische Jahrzehnt‘, wie die Zeit der propagandistisch so genannten ,Kulturrevolution‘ (1966-1976)[2] inzwischen in China fast durchgängig genannt wird, war neben anderem ein massenhysterischer Ausdruck des Versuchs, sich der Kultur zu entledigen. Dabei blieb auch die Menschlichkeit auf der Strecke.

Im Folgenden bezeichne ich diese Phase als „Versuch, die Aufklärung zu beenden“. Unter „Aufklärung“ in China verstehe ich hier die Bemühungen am Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts, insbesondere um 1907[3], den ,Wissensvorsprung‛ der ,westlichen Wissenschaften‛ einzuholen, den Sinozentrismus zu überwinden sowie das Denken stärker an kritischer Rationalität zu orientieren.

Den Begriff „unfrei“ verwende ich hier im Sinne von „die uneinge­schränk­te Entfaltung der Literatur hemmend“. Selbstverständlich ma­chen z.B. auch materielle Bedingungen wie die Notwendigkeit, sein Geld als Schriftsteller zu verdienen, Literatur „unfrei“. Wer dies unse­rem idealtypisch als „Marktwirtschaft“ oder „Kapitalismus“ bezeich­ne­ten alternativen Gesellschaftssystem vorwirft, hat unter bestimmten Ge­sichts­punkten Recht. Dennoch handelt es sich bei der Beschränkung der Lite­raturentfaltung durch den Lesergeschmack um eine stärker kon­sens­fähige, intersubjektiv eher akzeptable ,Einschränkung der Freiheit‘ als bei der Beschränkung der Literaturentfaltung durch Ideologie.

Manche zweifeln an der politischen Wirkung von Literatur. Schon Lu Xun hatte nicht an den Einfluss von Literatur auf die Gesellschaft geglaubt. Aber seine eigenen Werke straften ihn Lügen.[4] Die letzten zwei Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts brachten freilich eine weitgehende ,Befreiung[5] der chinesischen Literatur. Doch der Druck, etwas auf den Geschmack des schlecht gebildeten chinesischen Durchschnittslesers Zugeschnittenes zu schreiben, ließ neue Unfreiheiten entstehen.

Diese Unfreiheiten liefern zusammen mit dem angesprochenen Versuch, ,die Aufklärung zu beenden‘ Gründe für die mangelnde Qualität der chinesischen Literatur. Im Westen gelten als wichtigste Qualitätsmaßstäbe Originalität, Stimmigkeit und die Fähigkeit, emotional zu begeistern. In China hat Originalität aufgrund der höheren Wertung der Kopie und Nachahmung[6] einen geringeren Stellenwert. Somit bleiben als gemeinsame Bewertungskriterien nur die Stimmigkeit und die Fähigkeit, emotional zu begeistern. Letztere ist in China beliebter als im Westen, wo Gefühlsbeschreibung oft als „klischeehaft“ empfunden wird.

In China wurde leidenschaftlich diskutiert, warum es im behandelten Zeitraum (1949-1999) kein chinesischer Autor zu Literatur-Nobelpreis-Würden brachte. Die Nobelpreis-Versessenheit der Chinesen ist aus einem Minderwertigkeitsgefühl zu erklären, das aus der relativen Schwäche der eigenen modernen Literatur, gemessen an der klassischen, hervorgeht. Die Verleihung des Preises an Gao Xingjian im Jahr 2000 hat gezeigt, dass der Literatur-Nobelpreis alles andere als ein objektiver Qualitätsmesser ist. Dennoch steht hinter dem Minderwertigkeitsgefühl die Frage, warum die moderne chinesische Literatur qualitativ kaum an die klassische chinesische Hochkultur literarischen Schaffens heranreicht. So manch einer in China macht sogar eine Ver­schwö­rung des Westens gegen China für mangelnden Erfolg in Stockholm ver­antwortlich. Der Tenor der meisten chinesischen Inter­pre­tatoren lautet jedoch, die chinesische Literatur habe seit dem Traum der Roten Kammer nichts Nennenswertes mehr hervorgebracht. Davon ausge­nom­men seien lediglich ein paar Erzählungen von Lu Xun, Mao Dun[7] (z.B. Seidenraupen im Frühling (Chuncan)[8]), Lao She[9] (1966 nominiert), Shen Congwen[10] (1981 nominiert), Ba Jin[11], Zhang Ailing[12] etc. Dies kann man unkommentiert stehen lassen.

In China hat man Mitte des 20. Jahrhunderts die vormodernen und mo­der­nen Traditionen bewusst nicht weitergeführt, um eine neue Form von Literatur zu schaffen. Dies ging allerdings zu Lasten der literarischen Qualität. Übrig blieb Gebrauchsliteratur. Qualitativ erreichten die Wer­ke nach 1949 nicht mehr das Niveau der 1920er/30er Jahre. Aber auch schon die Qing-Literatur hatte es ja in mehreren Jahrhunderten nicht geschafft, den Tang-Gedichten ,das Wasser zu reichen‘. Stattdessen wäre etwas mehr Geduld und Bewusstsein dafür erforder­lich, dass die Gegenwart um nichts bedeutender als jede andere Epoche zuvor ist, die sich ja selbst auch schon als Gegenwart verstanden hat.

Es ist kaum verwunderlich, dass auch die chinesische Literaturkritik der 1980er und 90er Jahre über die programmatische Absicht, eine neue Literatur zu schaffen, kaum hinausgekommen ist. Dieses Thema beherrschte schon Ende des 19. Jahrhunderts und in den 1910er bis 30er Jahren die Kolumnen der Tageszeitungen. Den chinesischen Teilnehmern an den Diskussionen entging offensichtlich die Tatsache, dass genau dieselben Argumente etwa 60 Jahre zuvor schon einmal ausgetauscht worden waren, oder diese Tatsache war ihnen schlicht egal. Die chinesische Literaturkritik moderner chinesischer Literatur beschäftigt sich überwiegend mit banalen Themen, argumentiert gerne emotional, wertet häufig intersubjektiv nicht nachvollziehbar und liegt insgesamt - wie auf Konferenzen deutlich wird - weit unter Weltniveau. Statt im Inland das Interpretationsmonopol zu reklamieren, hätte der chinesische Literaturwissenschaftler der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts seine Chancen verbessert, wenn er Englisch gelernt hätte und nach Amerika gegangen wäre.[13]

Sinnentleert wirken Literaturtheorien aus dem anglophonen Sprach­raum, die in China bisweilen nicht vollständig verstanden werden. Die Diskussion dieser Theorien schuf in China eine eigene, durch Anglizismen geprägte schimärenhafte Wissenschaftssprache. Diese ist vor allem durch die Offenheit in der Interpretation der oft nur phonetisch transkribierten englischen Begriffe gegeben.

Diese Gesamtsituation der Literatur wie der Literaturkritik erfordert einen umfassenden Neuanfang. Doch wie schon bei den vielen Schriftstellern, die die Juniereignisse 1989 traumatisiert haben, lauert der horror vacui. Oder man kann sich eine andere als die eigene Literatur zur Tradition machen - so bei Exilschriftstellern und Auslandschinesen wie dem Literatur-Nobelpreisträger 2000 Gao Xingjian, der Brecht und Beckett die geistigen Väter seines Schreibens absurder Dramen nennt, wobei er den Einfluss der Peking-Oper auf Brecht hervorhebt.

Ein weiterer Grund für die mangelnde Qualität der chinesischen Literatur ist ihr mangelnder Tiefgang, kommt man doch über effekthascherische Rührseligkeit kaum hinaus. Warum besitzt in China die plumpe Gefühlsduselei eine solche Akzeptanz und Verbreitung? Auch auf die Gefahr hin, kulturrelativistisch missverstanden zu werden, liegt dies doch an der Sozialisation, Gefühle in der Regel zurückzuhalten. Die Literatur führt unterschiedlichste lebenspraktische Situationen vor, fungiert als Ventil für ansonsten vielfach unterdrückte Gefühle. Im Westen ist das Rührselige verpönt, man hat sich satt gelesen an Eltern-Kind-Gefühlen einer Bing Xin und am „Herz-Schmerz“ eines Zhu Ziqing.

Bemerkenswert ist, dass es in China zwar einzelne tragische Werke, aber keine Tradition der Tragödie gibt. Im Abendland dagegen prägte Aristoteles’ Poetik und deren Theorie der „Katharsis“, der „Reinigung“ von Affekten, das Kunstverständnis bis in die Gegenwart. Adaptionen westlicher Tragödienkunst wie die von Guo Moruo sind die Ausnahme und nicht genuin.

 

II  Wie ist die chinesische Nationalliteratur synchron in die Weltliteratur einzuordnen?

 

Die Perioden der chinesischen Aufklärung, der ,4.-Mai-Bewegung‛ und schließlich der sozialistischen Geschichtsneuschreibung vor der ,Revolution der Kultur‛ werteten die Umgangssprache und damit auch Roman und Kurzgeschichte auf. Die Literaturwissenschaft wird sich in den 1990er Jahren bewusst, dass der Kanon etablierter Werke und gefeierter Kulturgrößen auf eine Geschichtsdarstellung, eine Erzählweise (narrative) zurück geht, die sich durchgesetzt hat und allgemein anerkannt wird (master). So kann man zusammenfassend von einer „etablierten Geschichtsdarstellung“ (master narrative)[14] in China sprechen.

Die oft als objektiv betrachtete Geschichtsschreibung und der Ka­no­ni­sierungsprozess lassen sich auch literaturgeschichtlich hinterfragen. Man dekonstruiert bestehende Konzepte,[15] wird sich bewusst, dass auch das Bild, das wir von der Literaturgeschichte haben, im Grunde genommen eine Geschichts-Darstellung ist, aber nur eine unter vielen, die sich aufgrund bestimmter Akteure und Faktoren[16] durchgesetzt hat. Leo Lee sieht die Darstellung der ,Neuen Literatur‘ seitens der ,4.-Mai-Bewegung 1919‘ als entscheidend dafür an, dass diese Literatur sich als Hauptströmung durchsetzen und eine exponierte Stellung erringen konnte. Michel Hockx hält die Lesart der sozialistischen Regierung ab 1949 für diese Wertung für ausschlaggebend.

Etablierte Sichtweisen zu hinterfragen, bringt Neues ans Licht, wie etwa die in Vergessenheit geratene Gattung des Essays. Scheinbar unbemerkt von den Literaturwissenschaftlern haben chinesische Leser diese schon längst zur Lieblingsgattung erkoren. Der Essay beansprucht nunmehr in der Literaturgeschichte den ihm gebührenden Platz. Nicht umsonst spricht man davon, das eigene Selbstverständnis unter den Aspekten Modernität (mit Technik und Medien - etwa bei der Multimedialisierung der Literatur mittels Computer und Internet), Postkolonialismus, Geschlecht und Sexualität, Globalisierung (E-Texte / ‑Zeitschriften), Nationalismus und Marginalismus neu zu kartographieren (remapping).

 

Exkurs: Die chinesische Nobelpreis-Versessenheit

 

„Kennen Sie Gao Xingjian?“ Eine halbe Stunde vor Bekanntgabe des diesjährigen Nobelpreisträgers für Literatur am 12.10.2000 hatte diese Frage des dpa-Redakteurs Carsten Wieland Symbolcharakter: Gerade hatte die schwedische Akademie den Presseagenturen mit Sperrfrist bis 13 Uhr den diesjährigen Laureaten verkündet. Die ersten Anrufe bei verschiedenen China-Wissenschaftlern waren für den Redakteur fruchtlos verlaufen. Mit dem Korrespondenten schusterte ich eine erste Agenturmeldung zusammen. Auch mir war Gao Xingjian nur zufällig bekannt. Wenige seiner Werke sind in Deutschland erschienen, bei drei Verlagen, in Bochum bei Brockmeyer und projekt, in Berlin bei Henschel in einer Sammelausgabe. Wenige Tage nach Bekanntwerden des Preisträgers publizierten einige junge Chinawissenschaftler ein fundierteres Buch auch zu Gaos Dramentheorie.[17] Sein offizieller deutscher Übersetzer Helmut Forster-Latsch hat bereits einen Teil des Romans Die Seele des Berges (Lingshan) übersetzt, der bis Ende 2000 aber noch nicht erschienen war. Die Sinologen, seit Wei Jingshengs Freilassung wieder in der Vergessenheit versunken, und insbesondere die Literaturwissenschaftler, die seit einem Jahrzehnt einen schweren Stand auf dem deutschen Buchmarkt hatten, wurden mit Interviewanfragen überhäuft. Bei mir meldeten sich in Sachen Gao Xingjian unter anderem der Schweizerische Rundfunk, DER SPIEGEL, die Frankfurter Allgemeine Zeitung, der WDR, die Heilbronner Stimme und die Berliner Zeitung.



[1]   Siehe William Miles Fletcher: The Search for a New Order. Intellectuals and Fascicm in Prewar Japan, Chapel Hill 1982. G.H. Wilson: Radical Nationalist in Japan. Kita Ikki, 1883-1937, Cambridge, Mass. 1969. Ich danke Ulrich Irion für die Durchsicht dieses Beitrags.

[2]   Den eigentlichen Abschluss fand die sogenannte ,Große proletarische Revolution der Kultur‘ auf dem IX. Parteitag (1.-28.4.1969). Zur Ruhe kam das Land jedoch erst mit dem Tod Maos 1976. Offiziell wurde die Revolution erst auf dem XI. Parteitag (8.1977) für „erfolgreich beendet“ erklärt. Zu den bedeutenderen historischen Daten verweise ich auf Denis Twitchett, John K. Fairbank (ed.): Cambridge History of China, New York, Port Chester, Melbourne, Sydney 1991, zu den literarisch bedeutsamen Ereignissen bis 1966 auf Zhong Chengxiang: Xin Zhongguo wenxue jishi he zhongyao zhuzuo nianbiao, 1949-1966.

[3]   Hier seien nur einige Texte in vormoderner Schriftsprache von Lu Xun genannt: „Kexueshi jiaopian 科學史教篇“ (Die Lehren der Wissenschaftsgeschichte), in: Lu Xun: Lu Xun zawen quanji 魯迅雜文全集 (Lu Xun. Gesamtausgabe der zawen), He’nan 河南: He’nan renmin chubanshe 河南人民出版社 (Volks­li­teraturverlag He’nan) 1994.12, 1056 S., S. 9 - 13, im fol­gen­den: Lu Xun: Gesamtausgabe der zawen 1994; „Moluo shi lixue 摩羅詩力說“ (Über die Macht der dämonischen Poesie), in: He’nan 河南 (1908.2, 3, Heft 2, 3); „Ti ji 題記“ (Zum Titel von Das Totenmal), in Lu Xun: Gesamtausgabe der zawen 1994, S. 3.

[4]   Mit welcher Selbstironie er die Position des Schriftstellers sah, zeigt sein Testament wenige Monate vor seinem Tod, in dem er seinem Sohn vor allem riet: „Werde kein Nichtsnutz oder Schriftsteller.“ Siehe „Tod“, in: Lu Xu quanji, Peking 1957, Bd VI, S. 496.

[5]   Hier ist ,Befreiung‘ freilich in einem der propagandistischen Verwendung in China (jiefang) entgegengesetzten Verständnis gemeint..

[6]   Helmholt Vittinghoff: „Original und Fälschung in der chinesischen Geistesgeschichte“, in: Deutsche China-Gesellschaft (17.11.1999) Köln [Vortrag].

[7]   Shen Yanbing 深雁冰, 1896 - 1981, einer der berühmtesten Vertreter der Republikliteratur.

[8]   Mao Dun stellt darin den Niedergang der ländlichen Wirt­schaft in Konkurrenz zu ausländischen Importen dar.

[9]   Den Höhepunkt seines literarischen Schaffens erreichte Lao She zwischen 1936 und 1942/43. Es entstanden die Kurzgeschichten Maocheng ji 貓城記 (Die Stadt der Katzen 1932/33), eine Science-Fiction Allegorie auf das gebeutelte China der 1930er Jahre, das in Selbstzerfleischung endet, Luotuo xiangzi 駱駝祥子 (Der Rikschakuli, 1936/37), die Beschreibung des hoffnungslosen Kampfes eines einfachen Pekingers gegen übermächtige Kräfte der niedergehenden Gesellschaft. Lao She starb als Opfer der Drangsalierung durch die Roten Garden am 24. August 1966.

[10]  Shen Congwen beschrieb in seiner Novelle Biancheng 邊城 (Grenzstadt) 1934 das Leben in seiner Region.

[11]  Berühmter Vertreter der Republikliteratur, der nach der ,Kulturrevolution‘ schonungslose Selbstkritik übte und bis in die 1980er und 90er Jahre aus Hongkong gesellschaftskritische Essays schrieb.

[12]  Zhang Ailing (Eileen Chang) schrieb aus dem besetzten Shanghai der 1940er Jahre. Zhangs Romane haben weibliche Protagonisten und spielen in der Stadt. Sie werden wegen ihrer psychologischen Innensicht gewürdigt. Sie lebt seit 1955 in den Vereinigten Staaten. Zur Rezeption: In der VR China wurde sie in den 1970er Jahren selten literaturgeschichtlich er­wähnt. C.T. Hsia wertete sie als „die talentierteste Schriftstellerin, die in den 1940ern in China auftauchte“ auf. In den 1980er Jahren erlebte Taiwan ein ,Zhang Ailing-Fieber‘.

[13]  In Amerika wurden tatsächlich Ende des 20. Jahrhunderts bevorzugt chinesischstämmige Dozenten für moderne chinesische Literatur eingestellt.

[14]  Siehe Homi Bhabha, ed.: Nation and Narration 1994 (Aufsatzsammlung); Dai Jinhua: „Versteckte Erzählweise: Die Politik der Massenkultur in den 1990ern“ (Yinxing shuxie - jiushi niandai de dazhong wenhua zhengzhi xue), in: Jintian 今天 (Today) 1998.

[15]  Jacques Derrida: „Die Struktur, das Zeichen und das Spiel im Diskurs der Wissenschaften vom Menschen“, in: Peter Engelmann (Hg.): Postmoderne und Dekonstruktion – Texte französischer Philosophen der Gegenwart, Stuttgart 1990; Culler, Jonathan: On Deconstruction Theory and Criticism after Structuralism, London 1983.

[16]  Der Sozialwissenschaftler Pierre Bourdieu (geb. 1930), französischer Sozialwissenschaftler. Er liefert ein komplexes Begriffssystem zur Beschreibung des „Kampfes“ im „Feld der Kulturproduktion“. Dabei sieht er Kultur als Mittel der „herrschenden Klasse“, ihre „soziale Reproduktion“ zu sichern. Er baut auf Marx auf, sein Modell macht aber keine Entwicklungen (insbesondere keine Revolution) vorhersagbar. Er fordert in den 1990er Jahren den Einsatz der Intellektuellen für die Unterprivilegierten, wie in Frank­reich für die Arbeitslosen. Siehe ders.: The field of cultural production. Essays on Art and Literature, Columbia University Press 1993; Beate Krais (Hg.): Pierre Bourdieu et. al.: Soziologie als Beruf. Wissenschaftstheoretische Voraus­set­zun­gen soziologischer Erkenntnis, Ort: de Gruyter 1991, xviii, 297 S.

[17]  Gao Xingjian 高行健: Nächtliche Wanderung. Reflexionen über das Theater, übers. Martin Gieselmann, Andrea Janku, Andrea Riemenschnitter, Irmy Schweiger, Susanne Weigelin-Schwiedrzik und Natascha Vittinghoff. Mit einem Nachwort von Natascha Vittinghoff, Edition Mnemosyne.


Quelle: "50 Jahre 'unmögliche Literatur' in der VR China: Unfreiheit, der 'Versuch, die Aufklärung zu beenden' und mangelnde Qualität", in: Zwischen Mao und Konfuzius, Die Volksrepublik China als Reflex von Tradition und Neuerung, Europäischer Universitätsverlag Bochum 2. Auflage 2003, 198 S., ISBN 3-932329-13-9, Reihe Sinica Bd. 7